Wer in das kleine Dorf Gunzesried im Oberallgäu fährt, ist sicher nicht überrascht, im Dorfzentrum eine Käserei zu finden. Überraschender ist sicherlich, dass gleich gegenüber eine kleine, aber feine Kontrabass-Schule die Möglichkeit bietet, das Spielen auf ebendiesem Instrument zu erlernen. Der Kontrabassist und Volksmusikant Hansjörg Gehring betreibt die Schule mit viel Herzblut und Energie. Doch wie kam es zu diesem ungewöhnlichen Projekt? Das hat er mir in einem Gespräch letzten Dezember erzählt.
Text: Dagmar Held Fotos: Florian Maucher, Dagmar Held
Musik ist von Anfang an ein wichtiger Wegbegleiter
Hansjörg wächst mit vier Brüdern in Gunzesried in einer sehr musikalischen Familie auf. Er erzählt: »Wir haben immer viel musiziert. Meine Mutter war Lehrerin im Dorf. Sie hat auch viele Stückle gsammelt. Sie hat viel mit den Kindern in der Schule gesungen, Weihnachtsspiele einstudiert. Irgendwann sind die Schüler dann zu ihr gekommen, in der Schule reicht ihnen des nicht, sie möchten gern a bissle mehr machen. Sie hat dann eine Volksmusikgruppe aufgebaut (1968), selber Lieder komponiert für alle möglichen Anlässe. Wir Geschwister mussten dann auch mit – oder durften, je nachdem – und so bin i in die Sache hineingewachsen.«
»Hansjörg, du spielsch jetzt Kontrabass!«
Wie viele Kinder fängt Hansjörg ganz klassisch mit der Blockflöte an, spielt bald auch Geige, Gitarre und Akkordeon in der Volksmusikgruppe. Als er zwölf war, fehlte in der Gruppe ein Kontrabassspieler. Und da hieß es dann: »Hansjörg, du spielsch jetzt Kontrabass!« Seine Mutter zeigte ihm die ersten Griffe. Das klappte ganz gut und so wurde beschlossen, dass er richtig Kontrabass lernen sollte. Am Gymnasium Sonthofen konnte er bei einem älteren Schüler, Philip Barth, zwei Jahre Unterricht nehmen. Er erinnert sich: »Des war damals natürlich a Highlight, so a kleiner Bua mit am halba Bass. Des war scho a bsondere Sach.«
Dann wechselte er an die Musikschule Kempten zu Reinhold Lehmuth. Bald schon merkte er, dass man mit Kontrabass immer gefragt ist. »Irgendwie hat jeder gsagt: ›Du spielsch Kontrabass? Du könntsch bei mir mitspiela!‹« Sei es beim Schulorchester oder auch kleineren Formationen wie einer Volksmusikgruppe, die der Lehrer Hartmut Brandt am Gymnasium Sonthofen in dieser Zeit aufgebaut hat. Sie nahmen sogar mit großem Erfolg beim Alpenländischen Volkmusikwettbewerb in Innsbruck teil. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.
Die Begeisterung für den Kontrabass ist jedenfalls nachhaltig geweckt. Nach dem Abitur studiert Hansjörg Kontrabass am damaligen Leopold-Mozart-Konservatorium in Augsburg.
Deutschlands höchst gelegene Kontrabass-Schule: Bassetino
Vielseitigkeit als Trumpf
Orchestermusiker zu werden, war nie sein Plan, obwohl er sehr gern im großen Ensemble spielt und ihm das im Alltag manchmal auch fehlt. Es war ihm dann doch zu einseitig. Zum einen die Musikrichtung und zum anderen zu sehr auf ein Instrument begrenzt.
Er wollte schon immer an die Musikschule und unterrichten. Und er wollte sich nicht auf ein Instrument eingrenzen lassen, was ihm beim Studium immer mal wieder vorgeworfen wurde: »Konzentrier di auf eins gscheid!« Zum Glück hat er nicht auf diesen Rat gehört. Diese Vielseitigkeit ist jetzt als selbstständiger Musiker ein großer Vorteil, denn wie vorhin schon gehört, Kontrabass ist ein Mangelinstrument – dementsprechend gibt es auch nicht so viele Schüler an der Musikschule. Diese Erfahrung musste Hansjörg bei seiner ersten festen Anstellung an der Sing- und Volksmusikschule in Hindelang machen. Er hatte zwar ein Stundendeputat von fünfzehn Stunden, aber bei weitem nicht so viele Kontrabassinteressenten. Zum Glück beherrscht er ja noch andere Instrumente wie Akkordeon, Gitarre und Geige, die er auch unterrichten kann.
»Du könntsch bei mir mitspiela!«
Bassetino – Deutschlands höchst gelegene Kontrabass-Schule
Der Impuls, sich auch als Kontrabasslehrer selbstständig zu machen und sogar eine Musikschule zu gründen, kam aus mehreren Richtungen. Zum einen wurde die Nachfrage von Kontrabassschülern aus einem weiteren Umkreis immer größer und zum anderen hatte er mit dem ehemaligen Lebensmittelladen seines Vaters im elterlichen Haus auch Räumlichkeiten zur Verfügung. 2008 wagt er den Schritt und baut den Laden zu einem schönen, lichtdurchfluteten Unterrichtsraum aus. Der Ort ist auch strategisch günstig. Der nächste Kontrabasslehrer, der klassischen Unterricht anbietet, ist in Augsburg. So hat die Kontrabassschule einen großen Einzugsbereich – von Kempten bis nach Marktoberdorf.
Und der Zuspruch beweist, dass die Entscheidung richtig war. Momentan unterrichtet Hansjörg 19 Schüler am Kontrabass in seiner Musikschule in Gunzesried, die auch geographisch eine Besonderheit ist: Auf 900 Höhenmetern gelegen ist sie die höchst gelegene Kontrabass-Schule Deutschlands. Auch weiter nördlich in Schwaben sorgt Hansjörg für Kontrabassnachwuchs. An der Musikschule in Memmingen unterrichtet er weitere zehn Schüler.
Kontrabässe zum Mitwachsen
Besonders viel Freude bereitet Hansjörg der Unterricht mit Kindern. In den letzten 30 Jahren hat sich auf diesem Gebiet in der Kontrabasspädagogik viel getan. In Bayern und Baden-Württemberg wurde ein Pädagogischer Arbeitskreis Kontrabass gebildet mit dem Bestreben, kleine Instrumente für Kinder zu entwickeln. Andere Länder waren Deutschland hier weit voraus. In England begann man schon in den 1970er-Jahren, Kinder mit kleinen Achtelbässen zu unterrichten. Von asiatischen Ländern ganz zu schweigen. Inzwischen hat sich viel getan. »Man kann schon mit vier Jahren anfangen, Kontrabass zu spielen. Das sind ganz schnucklige 32tel-Bässe, die brummen genauso tief wie der große Kontrabass«, erzählt Hansjörg begeistert. Auch die Herangehensweise beim Unterrichten so kleiner Schüler ist eine ganz andere, eher spielerisch. Er hat sich ein eigenes Farbsystem für die Noten überlegt, die Kleinen können ja noch nicht lesen. Und er arbeitet mit einem Geigenbauer zusammen, Dominik Hufnagl aus Markt Wald, der Mitwachsinstrumente gegen Gebühr zur Verfügung stellt. Wenn das Kind aus einer Größe herausgewachsen ist, kann es zur nächsten Größe wechseln. So sind die Instrumente auch immer perfekt gewartet.
Damit die Schüler das unhandliche Instrument nicht immer zum Unterricht mitschleppen müssen, besitzt Hansjörg selbst Kontrabässe in allen Größen, auf denen die Kinder dann spielen dürfen. Die Altersspanne seiner Schüler reicht von 6–70 Jahren.
Volksmusik mit dem Kontrabass als angewandte Harmonielehre
Das Interesse, Kontrabass als Volksmusikbegleitinstrument zu lernen, ist groß. »Viele kommen, weil sie Volksmusik begleiten wollen. Aber die kriegen alle von mir die klassische Grundausbildung. Das braucht man für die Bogentechnik und die Intonation. Technik ersetzt Kraft. Man braucht Energie um die dicken Saiten zu drücken und da kann ich mit Technik viel helfen, wenn ich das gescheit lerne!«
Den Schülern auch die harmonischen Zusammenhänge beim Begleiten zu erschließen, ist wichtig. »Die Volksmusikausbildung auf dem Kontrabass nenn ich gern angewandte Harmonielehre. Man lernt die Zusammenhänge zwischen den Stufen I, V und IV und je nachdem sogar noch Nebenstufen, aber halt nicht auf dem Papier, sondern mit dem Instrument, so dass man auch spürt, jetzt wechselt die Harmonie, jetzt kommt die V. Stufe und dann geht’s wieder auf die I. Stufe. Des isch a bissl des Problem bei den Bassisten, dass wir von der Konstruktion vom Instrument ein Melodieinstrument sind und kein Akkordinstrument. Also kein Instrument, das mehrere Töne gleichzeitig spielt. Die Bassisten müssen aber trotzdem die anderen Dreiklangstöne im Kopf haben, auch wenn wir die gerade nicht spielen. Und das dauert ein bisschen. Gerade bei vielen, die wirklich als Komplettanfänger kommen, nicht von der Gitarre. Die Gitarristen haben es gleich drauf. Da reichen manchmal 3 oder 4 Unterrichtsstunden, wenn die begleiten. Aber jemand, der komplett neu anfängt, diese Denke zu entwickeln, des dauert a Weile.«
Und ganz wichtig ist ihm das tänzerische Spiel. Sei es nun bei einer Beethovensymphonie oder einem Ländler. »Es hat immer mit Tanz zu tun. Die Finger tanzen übers Griffbrett. Und des isch au in allen Sachen, wo i unterwegs bin, in allen Instrumenten, versuch ich diesen tänzerischen Aspekt herauszuholen.«

Video: Hansjörg Gehring als Kontrabassolist: Andante und Rondo von Domenico Dragonetti
Im Zusammenspiel ist es am Schönsten
Nur im stillen Kämmerlein zu üben, ist auf Dauer einfach zu wenig. Diese Erfahrung hat wohl jeder Musikant und jede Musikantin schon gemacht. Deshalb bildet Hansjörg regelmäßig mit seinen Schülern Ensembles. Jede Woche spielt er Kontrabassquartett mit vier seiner Schüler. Und ein- bis zweimal im Jahr versucht er, alle für ein großes Kontrabassorchester zusammenzutrommeln. Das ist nicht nur logistisch ein Problem, sondern auch räumlich, denn es ist gar nicht so leicht, eine Bühne für 14 Kontrabässe zu finden. So viele waren es nämlich beim letzten Konzert. Und ganz sicher ist es nicht nur optisch ein Erlebnis, sondern auch klanglich. Darüber hinaus sind seine Schüler begehrte Mitspieler bei den verschiedensten Ensembles, bei Schulorchestern und in Volksmusikgruppen.
»Langweilig wird’s mir nicht.«
Neben seiner Unterrichtstätigkeit ist Hansjörg viel als Musiker und Lehrer nicht nur in seinem Heimatumkreis, sondern in ganz Bayern und Österreich unterwegs. Daheim in Gunzesried leitet er die Volksmusikgruppe, die seine Mutter 1968 gegründet hat. Beim alljährlichen Weihnachtssingen in der Kapelle ist das ganze Dorf musikalisch beteiligt. Als Chorleiter kann der Männerchor in Hindelang auf ihn zählen und natürlich ist er bei den umliegenden Orchestern als Kontrabassist stets gefragt.
Bei den Liadhabern ist er festes Ensemblemitglied mit dem Kontrabass, beim Niederbayerischen Musikantenstammtisch spielt er die Tuba oder das Akkordeon. Bei der Musikwerkstatt Radix beim Walser Herbst, beim Bergfolk im Ausseer Land auch beim nächsten Streicherseminar des Bezirks Schwaben ist er als Referent mit von der Partie. Um nur einige zu nennen.
Und als Hobby hat er den Dudelsack für sich entdeckt. Er spielt ihn nicht nur, sondern hat sich auch selbst einen gedrechselt. Also langweilig wird’s ihm ganz sicher nicht!






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